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Berichte

Zugesandt von Hr. Beckert, OG Mosbach

"Ein Kanninchen zum Weihnachtsfest"

Erinnerungen eines 10-jährigen Jungen aus Schlesien

( Habe ) Nach dem die Russen abgezogen waren, kamen im Herbst 1945 die Polen in großen Scharen in unser geliebtes Schlesien. Junge schwer bewaffnete Miliz-Soldaten donnerten mit den Gewehrkolben an unsere Haustür. Sie stürmten das Haus und besichtigten alle Räume. Eine alte Frau und ein junger Pole bezogen, ohne zu fragen 4 Zimmer unseres 8 Zimmerhauses. Bisher wohnte ich mit meinen Eltern und meinem vier Jahre älteren Bruder in unserem Haus. Meine Mutter weinte und mein Vater schaute rat- und fassungslos dem Treiben zu. Die beschlagnahmten Stuben durften wir nicht mehr betreten. Die Polen begaben sich danach in das benachbarte Gasthaus, um ihren Einzug in der neuen Heimat zu feiern. Da in diesen Zimmern viele Bekleidungssachen von uns lagerten, holten sich meine Eltern per Zweitschlüssel das Notwendigste heraus. Sie wussten aber nicht, dass wir ein paar Monate später alles zurücklassen mussten, als die unmenschliche Vertreibung begann. Die Polen ließen sich von uns mit Essbarem und Getränken versorgen. Sie benahmen sich wie Kurgäste und ließen es sich gut gehen. Da die Russen sämtliches Vieh, wie Kühe, Schweine usw. nach Osten getrieben hatten, gab es kaum Fleisch oder Wurst zu essen. Am ersten Weihnachtstag 1945 zog aber der Duft eines Festtagsbratens durch das Haus. Die alte Polin kam immer wieder in die Küche und schnupperte an dem verführerischen Braten herum. Meine Mutter sagte, dass es sich um ein Kaninchen handelte, das sie geschlachtet hatte. Die riesige Pfanne war aber völlig ausgefüllt. Der Polin lief das Wasser im Munde zusammen. Ihre Gier nach dem Braten war größer als die berechtigte Angst. Am Morgen des Feiertages war eine große Pute in unserem Hof aufgetaucht. Meine Mutter sah dies als Fügung Gottes an und fing die Pute ein. Die Pute wurde geschlachtet und gebraten. Mir hatte man damals gesagt, dass es sich um Kaninchen handelte. Das war mir egal, denn der Braten schmeckte ausgezeichnet. Man hatte Bedenken, dass ich beim Spielen mit den Polenkindern den wahren Sachverhalt unbewusst verraten würde. Den wahren Sachverhalt erfuhr ich erst nach Jahren nach der Vertreibung. Warum hatten meine Eltern plötzlich Angst bekommen? Meine Mutter hatte die Pute als herrenlos angesehen. Den ganzen Morgen über am 1. Feiertag streiften Milizen durch das Dorf und suchten diese Pute. Der neu eingesetzte polnische Bürgermeister, der als besonders brutal bekannt war, bewohnte ein Anwesen einige Häuser weiter. Er hatte sich vergebens auf den Weihnachtbraten gefreut. Er soll mit Schaum vor dem Mund getobt haben. Er hatte aber auch keinen Anspruch auf die Pute, die er zuvor Deutschen gestohlen hatte.

Als ich 1987 das erste Mal wieder einmal vor meinem Vaterhaus stand und von dem Polen freundlich empfangen wurde, fiel mir diese Geschichte während des Gespräches wieder ein. Ich fragte ihn, ob er damals die Geschichte mit dem Kaninchen geglaubt hatte. Er meinte lachend, dass seine Mutter den Braten gleich gerochen hatte. Sie hätten damals aber auch große Angst gehabt, denn wenn das herausgekommen wäre, hätte der Bürgermeister uns sofort in ein Todeslager verfrachtet und umbringen lassen. Selbst sie als Polen wären nicht verschont worden, denn niemand hätte ihnen geglaubt, dass die Pute ein Kaninchen war.

 

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